Die Wimbledon Championships verwandeln den Südwesten Londons in jedem Sommer für zwei Wochen in eine Pilgerstätte. Quasi als „Mekka“ für Tennisfans lockt das renommierteste Tennisturnier der Welt 14 Tage lang insgesamt mehrere hunderttausend Zuschauer in eine andere Welt.
In dieser stellen sich in jeder fortgeschrittenen Nacht und in den frühen Morgenstunden tausende Tennisfans in die sagenumwobene „Wimbledon Queue“, eine Warteschlange, um für den jeweiligen Tag ein Ticket für die Anlage des „All England Lawn Tennis and Croquet Clubs“ zu bekommen und das außergewöhnliche Flair aufsaugen zu können. Außergewöhnlich, weil sich das Grand Slam-Turnier auf der Anlage deutlich von den drei anderen in Melbourne, Paris und New York unterscheidet, setzt die Veranstaltung in der englischen Hauptstadt Maßstäbe in Sachen Ästhetik und Ordnung. Der Centre Court von der Dreispitzigen Jungfernrebe im satten Dunkelgrün eingehüllt, tausende Hortensien und Petunien, die die Anlage säumen, kleine Seen und Wasserläufe: In der Fachterminologie können Botaniker dieses Zusammenspiel vermutlich am besten bewerten, das allgemeine optische Auge kann die Vielfalt allerdings auch ohne botanische Lehre mit Begeisterung zur Kenntnis nehmen.
Eine Teilnahme für die Wimbledon-Geschichtsbücher
Mit Flora und Fauna der Wimbledon-Anlage war Jan-Lennard Struff bei der diesjährigen Wimbledon-Ausgabe weniger beschäftigt. Viel mehr war auch er außergewöhnlich, lieferte der 36-jährige Warsteiner bei seiner zwölften Wimbledon-Teilnahme eines der besten Turnierergebnisse in seiner Karriere ab und trug sich sogar in die Geschichtsbücher ein. Mit 36 Jahren und 73 Tagen wurde er am vergangenen Dienstag zum ältesten Viertelfinal-Debütanten aller vier Grand Slam-Turniere.
Auf der Reise dort hin stand der Deutsche mehrfach kurz vor dem Aus, zog den Kopf mit mitreißenden Leistungen aber mehrfach aus der Schlinge. Im ersten Match gegen Baéz, Break zurück im entscheidenden fünften Satz und doch noch gewonnen. Gleiches Spiel in der zweiten Runde gegen Nakashima, ein Match, das wegen Dunkelheit sogar unterbrochen werden musste. In der dritten Runde gegen den Weltranglisten-Neunten Medvedev mit dem Doppel-Break im dritten Satz hinten und dann doch noch glatt in drei Sätzen gewonnen. Anschließend gegen Hurkacz einen 0:2-Satzrückstand gedreht und mit dem Viertelfinal-Einzug Geschichte geschrieben.

Eine märchenhafte Reise auf einer märchenhaften Anlage. Davon nicht genug stellte Struff ebenfalls im Viertelfinale gegen den Weltranglisten-Ersten Jannik Sinner seine besonders gute Turnierform unter Beweis.
Und auch diesem Match zeigte sich sich Wimbledon von seiner außergewöhnlichen Seite. Gleich drei Mal wurde während der 155 Spielminuten auf dem Court No.1 eine Champagner-Flasche lautstark geöffnet – höhere Dunkelziffer vermutet. Es folgten suchende Blicke des Publikums nach dem Auslöser für die feucht-fröhliche Ruhestörung. Die jeweiligen Übertäter eher mit einem stolzen Grinsen, als mit Scham bedacht. Einzigartig mit Blick auf die anderen Grand Slam-Turniere. Auch das ist die andere Welt in Wimbledon.
Ungestört von diesen Nebengeräuschen musste der Warsteiner gegen die Nummer eins der Welt an sein Leistungslimit gehen, um eine Chance zu haben, war zum Start der Begegnung sogar teilweise der bessere Spieler. Nur drei Punkte trennten Struff und Sinner beim 5:7 für den Südtiroler, fünf Punkte waren es im zweiten Durchgang, den Sinner via Tie-Break auf seine Seite zog. Der 36-Jährige war gegen den zwölf Jahre jüngeren Italiener nah dran, aber am Ende gegen den nahezu wie ein Uhrwerk aus dem italienischen Nachbarland aufspielenden Wimbledon-Sieger von 2025 ohne weitere Chancen, um das Match um weitere Sätze zu verlängern.
“Struffi ist sensationell.”
Alexander Zverev bei einer Wimbledon-Pressekonferenz
Nach 2:35 wurde Struff, erhobenen Hauptes den Centre Court verlassend, lautstark von den Zuschauern verabschiedet. Auch Kontrahent Sinner erhob sich und spendete respektvoll Applaus.
Applaus, der sicher nicht nur dem starken Mithalten des Warsteiners galt, sondern auch seines gesamten Wimbledon-Auftritts. Ein Auftritt mit dem sich Struff schon vorzeitig Turnierteilnahmen für die kommenden Monate und den Start des nächsten Jahres sicherte. 400 Punkte bringt die Viertelfinal-Teilnahme mit sich. 400 Punkte, die den Sauerländer am nach dem Turnier von Weltranglisten-Platz 74 auf Platz 41 springen lassen. “Immer wenn man denkt, dass er gleich aufhört mit Tennis, kommt so ein Turnier, bei dem er sich für das gesamte nächste Jahr in der Top 100 qualifiziert“, hatte Landsmann und Davis Cup-Kollege Alexander Zverev bei einer Wimbledon-Pressekonferenz über den 36-Jährigen gesagt und fügte hinzu: „Struffi liebe ich, Struffi ist sensationell.“

Neben den Weltranglistenpunkten sind knapp 556.000 Euro Preisgeld für den Einzug unter die letzten Acht ein mehr als angenehmer Nebeneffekt.
Struff verlässt den Rasenklassiker im Südwesten Londons mit Applaus. Bis dahin muss der 36-Jährige aus der außergewöhnlichen Wimbledon-Welt wieder auftauchen und als nächstes in Kitzbühel in die Realität zurückkehren, um den Wechsel von Rasen zurück auf Sand zu meistern.
Struffs Wimbledon-Teilnahme 2026 in Bildern:

















