“Sind alle gute Schaupieler”: Struff zu Gast in Gosens-Podcast

“Sind alle gute Schaupieler”: Struff zu Gast in Gosens-Podcast 1400 1400 Michael Hölter

WARSTEIN – Jan-Lennard Struff so offen und ehrlich wie nie: Der Warsteiner Tennisprofi war in der jüngsten Ausgabe des Podcasts „Wie geht’s?“ von Fußballprofi und Nationalspieler Robin Gosens zu Gast und spricht darin unter anderem auch über die Schattenseiten des Profi-Daseins und gibt besondere Einblicke in die Welt eines langjährigen Top 100-Spielers. Der zuletzt von Bundestrainer Julian Nagelsmann nicht berufene Gosens nutzt seinen Podcast, um in den Gesprächen den Umgang mit schwierigen Phasen von Sportlern und Persönlichkeiten aufzuzeigen. In der knapp 75-minütigen Folge gibt Jan-Lennard Struff Einblicke in seine bisherige Tennis-Karriere. Darin spricht er über…:

Reisestrapazen: “Die Spitze in meiner Karriere war 2019, da war ich 250 Tage nicht zu Hause. Es tut gut, eine Basis zu haben, zu der man immer zurückkehren kann. Man verliert durch die vielen Reisen auch ein bisschen den Bezug, manchmal weiß ich gar nicht, in welcher Stadt ich gerade aufwache. Da verlaufe ich mich auch mal in Hotelzimmern. Das bringt der Beruf mit sich, aber deshalb ist es wichtig, den Bezug nicht zu verlieren und zu seiner Basis zurückkommen zu können. […] Ich habe irgendwann angefangen, Tennis zu spielen mit dem Traum, Profi zu werden. Ich finde, man hat da einfach einen falschen Blick auf das Profi-Dasein, weil man als Außenstehender nicht die Einblicke bekommt, was alles Teil des Geschäfts ist. Man denkt sich, „Wow, der ist in New York. Wow, der ist in Melbourne“, aber man sieht nicht, was noch alles dazugehört. […] Uns Spielern in Europa geht’s trotz der vielen Reisen aber im Verhältnis noch gut. Wenn ich das mit Spielern aus Südamerika oder Australien vergleiche: Die verlassen meist Anfang des Jahres ihren Kontinent und kehren dann oft erst im November zurück […] Weil ich den Sport so sehr liebe, habe ich die ganzen negativen Seiten des Reisens selbst wenig hinterfragt, weil ich mich mit dem Profi-Tennis einfach sehr identifizieren.”

Planbarkeit im Tennis: “Man wird auf dem Weg sehr häufig überrascht von Dingen, die passieren können. Man muss sich darauf einstellen, dass eigentlich nichts wirklich planbar ist. Man kann den Erfolg wahrscheinlicher machen, aber eine Garantie gibt es nie. Man kann so viel arbeiten, wie man möchte, aber es gehört auch immer eine Portion Glück dazu.”

Seinen bislang einzigen ATP-Titel in München 2024: “Manchmal kann man Dinge nicht wirklich erklären. Ich glaube, dass es auch viel mit der Arbeit zu tun hat, die man vorher reingesteckt hat. In manchen Momenten macht es einfach Klick, da kommt man einfach in einen Flow. In München waren alle Matches sehr gut, im Halbfinale habe ich eines meiner besten Matches jemals bestritten, obwohl ich am gleichen Tag erst noch mein unterbrochenes Viertelfinale zu Ende spielen musste. Auch die Bedingungen mit 4 Grad und Nieselregen waren eigentlich nicht die, die meinem schnellen Spiel liegen. Ich habe in München extrem spät mit 33 Jahren meinen ersten Titel gewonnen. Das hat mir absolut noch gefehlt in meiner Karriere. Hätte ich in München nicht gewonnen, hätte es mir sehr weh getan. Im Jahr davor habe ich in Stuttgart das Finale im dritten Satz durch ein 9:11 im Tie-Break verloren. Heimpublikum, volles Haus und ich dachte im Moment der Niederlage, ob es vielleicht meine letzte Chance gewesen ist, einen Titel zu gewinnen.”

Sein Team: “Man baut sich sein Team auf. Ein Tennisspieler ist Chef von seinem Team, muss sich aber in der Wechselwirkung von seinem Trainer etwas sagen lassen.”

Erfolgslauf bei den US Open: Als Qualifikant kämpfte sich Jan-Lennard Struff bis ins Achtelfinale des Turniers.

Leistungsdruck: “Wenn ich nicht gut spiele, verliere ich mein Ranking, verdiene weniger Geld, muss mein Team aber weiter bezahlen. Seit Corona sind Flüge auch nicht günstiger geworden. Allerdings haben sich die Preisgelder auch positiv für uns Profis entwickelt. Es gibt viele Herausforderungen, aber ich liebe weiterhin das, was ich mache. […] Wir sind alle gute Schauspieler, ich glaube nicht, dass sich jeder Spieler zu jeder Zeit gut fühlt. Jeder hat seine Probleme und es hilft, das zu verstehen, Zeichen zu erkennen. Im Jahr, wenn ich ungefähr 50 Matches spiele, sind so fünf, sechs Matches 100 Prozent super. Der Rest ist, damit klarzukommen, was zur Verfügung steht. Klarkommen mit dem, was ich an dem Tag habe, was ich an dem Tag spielen kann, wie ich mental drauf bin und mich durchzukämpfen. […] In diesem Jahr hatte ich in München nach dem Titel im Vorjahr eine der schlimmsten Performances, da habe ich mir zu viel Druck aufgebaut und konnte das überhaupt nicht handhaben. Da bin ich gnadenlos ausgeschieden.”

Mentalität im Tennis: “Es gibt aus meiner Sicht den mentalen Aspekt, den technisch taktischen Aspekt und den Fitness-Aspekt. Die jungen Spieler, die neu dazugekommen sind, sind total fit, spielen alle hart und sind noch mal abgehärteter. […] Tennis ist ein sehr mentaler Sport. Wir sind alleine auf dem Platz. Zwischen den Punkten haben wir 25 Sekunden Zeit, das ist viel Zeit zum Nachdenken. […]  Man darf im Tennis nie aufgeben. Es wurden schon Matches aus aussichtslosen Positionen gewonnen. Manchmal spürt man auf dem Platz aber auch, dass an dem Tag nicht viel geht, dass man einfach nur weg möchte. […] Tennis ist ein Fehler-Sport, 70 Prozent sind im Schnitt Fehler. Das muss einem bewusst sein. Bei einem Grand Slam gibt es von 128 Spielern nur einen, der alles gewinnt, die restlichen 127 gehen mit einer Niederlage aus dem Turnier. […] Das Schlimmste ist, nach Niederlagen irgendwo im Hotelzimmer zu liegen, nicht schlafen zu können und dann hat man noch eine Woche Zeit, bis man das nächste Match spielt – das zerreißt dich. […] Ich habe auch mal unterschiedliche Dinge im Mental-Coaching ausprobiert, aber ich habe sehr viele Gespräche mit meinem damaligen Trainer Carsten Arriens geführt, die haben mich sehr nach vorne gebracht. Die haben meine Entwicklung nicht nur auf dem Platz, sondern auch als Persönlichkeit weitergebracht. Das war mit das Beste, was mir passieren konnte, dass ich auf den Reisen jemanden hatte, mit dem ich so offen reden konnte.”

Ein Jahr nach seiner Zeh-Verletzung an gleicher Steller: Struff bei den Miami Open.

Seine kuriose Verletzung beim ATP-Masters in Miami 2022: “Ich habe damals beim Turnier aus Wut, ich hatte zu der Zeit eine Negativ-Serie, vor eine Handtuch-Box getreten. Normalerweise sind die aus Holz, diese Box war aber aus Beton. Anschließend hab ich zu meinem Trainer rausgeschaut, weil es sich gar nicht gut angefühlt hat. Ich musste dann mit 31 Jahren das erste Mal in meiner Karriere aufgeben, weil ich mir den großen Zeh gebrochen hatte. Das hatte mich zwei, drei Monate gekostet und ich bin bis auf Rang 150 abgerutscht. Aus der Zeh-Verletzung ist dann eine Folge-Verletzung entstanden, weil ich den Zeh geschont hatte.”

Zweifel: “Nach der Zeh-Verletzung waren Ende 2022 einige Zweifel da. Da hatte ich mich gefragt, ob es das jetzt für mich war oder warum ich das noch mache. Ich musste bei kleineren Turnieren vor weniger Publikum spielen. Man muss bodenständig bleiben, aber die Umstellung auf die kleineren Turniere war mir nicht leicht gefallen. Man muss daraus lernen, wenn man hinfällt.”

Ausgleich zum Einzelsport: “Ich mag’s total, in Teams zu spielen. Ich freue mich immer auf den Davis Cup oder die Bundesliga, wo wir als Mannschaft spielen. Wenn wir beim Davis Cup sind, ist das Team inklusive Betreuerstab ungefähr 15 Personen groß – das sind mit die schönsten Wochen für mich. […] Ich mag den Einzelsport, weil ich selbst dafür verantwortlich bin, was passiert, aber dieser Teamsport fehlt mir auch. Ich habe Fußball gespielt, bis ich 12 war. Dieser Teamgeist ist etwas ganz Besonderes.”

Roland Garros 2016: Jan-Lennard Struff bei seiner vierten Hauptfeld-Teilnahme in Paris.

Seine ersten Profi-Jahre: “Am Anfang muss man im Tennis viel investieren und man weiß nicht, was dabei rauskommt. Ich bin dankbar, dass meine Eltern mir das möglich gemacht haben. […] Der Moment, wenn man denkt, dass man es geschafft hat, ist das Erreichen des Hauptfelds bei einem Grand Slam-Turnier. Die erste Schallmauer war das Erreichen der Top 100, das ist ein elitärer Kreis. Das Leben kann man sich in den Top 100 ganz ordentlich gestalten, aber Geld war zu Beginn meiner Karriere nie der Anreiz, ich wollte möglichst weit kommen.”

Die Turnierplanungen: “Manche Turniere sind je nach Ranking vorgegeben, die müssen gespielt werden. Wenn man diese nicht spielt, gibt es Strafen oder niedrige Pflichtpunkte, die in die Weltrangliste mit einbezogen werden. Man überlegt zusammen mit seinem Team, welche Turniere könnten wir denn spielen. Da gehören verschiedene Aspekte dazu, beispielsweise ob man vom Ranking in die Turniere kommt und welche Bedingungen mir liegen. Zum Beispiel sind Turniere in höher gelegenen Orten oft schneller als Turniere auf Meereshöhe. Wir haben schon Entscheidungsgewalt, sind aber auch ein bisschen im vorgegebenen Tennis-Zirkus gefangen. Man muss spielen, um Punkte zu machen. Der Tenniskalender geht von Januar bis November. Wenn man mal eine Pause einlegt, punkten parallel die Konkurrenten. Nur Topspieler, die ganz oben stehen, können sich solche Pausen mal erlauben.”

Die wichtigsten Ratschläge in seiner Karriere: “Von meinen Eltern habe ich sehr viel mitbekommen. Sie haben mir immer mitgegeben, dass sich harte Arbeit auszahlt und lohnt. Dass man seinen Träumen folgen soll. Das ist auch etwas, was ich meinen Kindern mitgeben möchte. Jeder hat Träume und ich glaube, dass jeder die Freiheit braucht, diese verwirklichen zu können. Ich finde es wichtig, dass man seiner Passion folgen darf.”

Jetzt die ganze Folge hören: https://linktr.ee/wiegehts_podcast

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