“Davon werde ich meinen Kindern noch erzählen”: Das große Jahresinterview

“Davon werde ich meinen Kindern noch erzählen”: Das große Jahresinterview 1845 1536 Michael Hölter

WARSTEIN – Für den Warsteiner Tennisprofi Jan-Lennard Struff endet mit 2023 das für ihn bislang sportlich erfolgreichste Jahr. Nach einer Fußverletzung in 2022 kämpfte sich der 33-Jährige zurück in die Weltspitze und griff zwei Mal nach seinem ersten Turnier-Titel auf ATP-Ebene. Doch eine erneute und noch schwerwiegendere Verletzung bremste den Deutschen abermals aus. Über sein besonderes Jahr spricht Jan-Lennard Struff im großen Jahresinterview.

Jan-Lennard, für dich neigt sich ein sehr aufregendes Jahr dem Ende zu. War es mit den vielen Aufs und Abs das vielleicht turbulenteste in deiner bisherigen Karriere?

Jan-Lennard Struff: Es war auf jeden Fall das beste Jahr. Extrem aber auch, weil es von Platz 167 bis auf Platz 21 ging. Da tat die Verletzung im Sommer natürlich doppelt weh. Trotzdem war es ein mega Jahr für mich.

Nach einer Fußverletzung und Folgeproblemen in 2022 konntest du deine Punkte bei einigen Turnieren nicht verteidigen. Dadurch bist du kurz nach dem Start in 2023 auf Rang 167 der Weltrangliste abgerutscht. Du hast dich auf Challenger-Turnieren beweisen müssen, musstest durch Qualifikationen zu Grand Slams und ATP-Turniere gehen. Wie hart war der Weg zurück in den ersten Wochen dieses Jahres und wie hast du sie erlebt?

Jan-Lennard Struff: Wir hatten eine super Vorbereitung. Ich habe mich durch viele Matches gekämpft, habe mich häufig qualifiziert und insgesamt viele Matches gewonnen. Es war nicht immer leicht, aber es hat mir eine gute Basis gegeben. Vor der Vorbereitung im vergangenen Jahr haben wir gesagt, dass wir noch mal richtig angreifen wollen. Dass es am Ende so gut klappt, hatten wir nicht erwartet.

Was war dein Rezept für diesen beeindruckenden Weg zurück in die Top 100, zu denen du ab April wieder gehörtest?

Jan-Lennard Struff: Wir haben einfach viel und hart gearbeitet. Dass es mit solchen Ergebnissen wie in diesem Jahr laufen würde, war nicht abzusehen. Ich habe wie beispielsweise in Madrid mit dem Erreichen des Masters-Finales auch ganz neue Erfahrungen gemacht.

Ein erstes großes Ausrufezeichen konntest du in diesem Jahr beim ATP Masters in Monte-Carlo setzen, als du nach erfolgreicher Qualifikation das Viertelfinale erreicht hast. Hattest du in dieser Phase bereits das Gefühl, zu alter Stärke zurückgekehrt zu sein?

JanLennard Struff: Eigentlich habe ich auch in den Wochen davor schon gutes Tennis gespielt, habe beim Challenger in Canberra zu Beginn des Jahres und bei den Australian Open gute Leistungen zeigen können. Da hatte ich allerdings leider Probleme mit meinem Bizeps, konnte nicht so gut servieren und nicht mein bestes Tennis zeigen. Generell war es aber auch im Februar und März eine gute Phase und ich hatte das Glück – das sagt man als Sportler auch nicht so häufig – in Marrakesch die erste Runde knapp zu verlieren. Glück im Unglück, weil ich dadurch direkt nach Monte-Carlo geflogen bin und dort unfassbar gute Trainingseinheiten mit Alexander Zverev, Holger Rune und anderen Top-Spielern bekommen habe. Das hat mir geholfen, durch die Qualifikation zu kommen und dann auch im Hauptfeld gut zu spielen.

Die Geschichte in Madrid war einfach verrückt!

Struff über das Erreichen des Endspiels als Lucky Loser

Zwei Wochen später eine der vielleicht verrücktesten Geschichten des Sportjahres: Du verlierst beim ATP Masters in Madrid in der letzten Runde der Qualifikation, rückst aber als Lucky Loser nach und spielst dich von Runde zu Runde durch das Turnier. Im Halbfinale besiegst du mit Aslan Karatsev denjenigen, der dich noch in der Qualifikation bezwungen hatte und stehst im Endspiel gegen die hochgehandelte damalige Nummer zwei der Welt, Carlos Alcaraz. Wie blickst du im Nachgang auf diese außergewöhnlichen zwei Wochen in der spanischen Hauptstadt?

Jan-Lennard Struff: Das waren zwei unglaubliche Wochen. Es hat sich angefühlt, als wäre ich einen Monat in Madrid gewesen. Vorher hatte ich bei Masters-Turnieren erst zwei Mal das Viertelfinale als bestes Ergebnis erreicht. Die Geschichte war einfach verrückt, und ich hatte eine unglaublich tolle Zeit in Madrid. Es hat so viel Spaß gemacht, die Matches auf dem Center Court vor einer außergewöhnlichen Kulisse zu spielen. Das werde ich nie wieder vergessen und davon werde ich noch meinen Kindern erzählen.

Nach dem Finale beim ATP Masters in Madrid: Jan-Lennard Struff mit seinem Team, der Familie und Freunden mit der “Schale” für den Zweitplatzierten.

Das Endspiel Anfang Mai hast du knapp in drei Sätzen verloren, 4:6, 6:3, 3:6. Du hast vor einer besonderen Kulisse ein Match auf Augenhöhe abgeliefert. Du bist jemand, der immer gewinnen möchte: Wie schwer war es, die Niederlage nach einem starken Match von dir abzuhaken und sich über das Erreichte freuen zu können?

Jan-Lennard Struff: Es wäre natürlich wahnsinnig cool gewesen, das Ding zu gewinnen, aber hätte mir im Vorfeld jemand gesagt, dass ich das Finale erreiche, hätte ich es hundertprozentig so unterschrieben. Ich hätte das Match zwar gerne gewonnen, aber wenn man sich im Nachgang auch die Umstände anschaut, merkt man, wie besonders es war. Du spielst in der spanischen Hauptstadt, vor spanischem Publikum gegen den spanischen und weltweiten Shootingstar. Ich habe ein richtig gutes Match gespielt, aber Ende war Carlos einfach der bessere Spieler. Aber so läuft das im Tennis: Manchmal gewinnt man solche Spiele knapp, manchmal verliert man sie. Aber das Wichtigste ist, dass man dranbleibt und nicht nachgibt.

Kurz danach hast du beim Challenger-Turnier in Bordeaux erstmals eine Reaktion in der Hüfte gemerkt. Hättest du damals schon gedacht, dass dich diese Verletzung langfristiger beschäftigen würde?

Jan-Lennard Struff: Ich habe im Match gemerkt, dass da etwas ist, aber ich konnte ganz normal weiterspielen und hätte nie gedacht, dass es etwas Langfristigeres sein könnte. Ich habe meinem Physio Uwe Liedtke nach der Begegnung gesagt, dass irgendetwas nicht stimmt und am nächsten Morgen konnte ich meine Schuhe nicht mehr selbst schnüren. Das Match danach habe ich noch gespielt und ich war ein bisschen eingeschränkt, aber mein Gegner war an dem Tag generell zu stark.

Eines meiner besten Matches

Struff über das Finale der BOSS Open

Im Juni hast du dann ein weiteres ATP-Finale erreicht: Bei den BOSS Open in Stuttgart konntest du auf Rasen eine sehr starke und erfolgreiche Woche hinlegen. In einem dramatischen Endspiel (6:4, 6:7, 6:7) warst du Frances Tiafoe knapp unterlegen. Wie hast du dich nach dem verrückten und entscheidenden Matchball gefühlt?

Jan-Lennard Struff: Ich kann mir solche Punkte eigentlich nicht noch mal angucken, aber ich musste es nach der Partie machen, um zu sehen, wie er diesen Ball gespielt hat. Es fällt mir immer noch schwer, darüber zu reden. Es ging um meinen ersten Titel. Ich hatte kurz zuvor selbst Matchball, den konnte Frances aber gut abwehren. Das war mit eines meiner besten Matches in diesem Jahr und es war auch ein geiles Finale, aber für mich mit dem Ausgang auch unfassbar bitter. Aber das ist jetzt vergangen und ich kann es nicht mehr ändern.

Mit deiner bislang besten Weltranglisten-Platzierung, Rang 21, bist du dann zu deinem Heim-Turnier nach Halle gereist. Es sollte dein vorerst letzter Auftritt sein, denn die wieder aufkehrende Hüftverletzung sollte dich für ziemlich genau drei Monate aus dem Spielbetrieb nehmen. Wie hast du die Diagnose und die folgenden Wochen erlebt?

Jan-Lennard Struff: Ich hatte bereits vor den French Open eine Spritze bekommen müssen. Und dann hat mein Physio Uwe mir empfohlen, noch mal zur Kontrolle zu gehen. Ich dachte, dass ich vielleicht noch mal eine Spritze bekomme und es dann weiter geht, aber die Ärtze haben sofort gesagt, dass es erstmal nicht weitergeht. Ich habe direkt gedacht, dass es nicht sein kann, dass mir so der Stecker gezogen wird. Uwe hat mich jahrelang begleitet und ich glaube, dass mir ohne seine Hilfe so etwas schon früher passiert wäre. Deswegen bin ich dankbar, dass ich ihn an meiner Seite habe und er meinen Körper immer im Blick hat.

Jan-Lennard Struff mit seinem jahrelangen Physiotherapeuten Uwe Liedtke. PHOTO CREDIT: Tennis Australia/ SCOTT BARBOUR

Zum Zeitpunkt der Verletzung im Juni warst du einer der Spieler mit den meisten absolvierten Matches in 2023, hattest bis dahin bereits 58 Partien seit Jahresstart ausgetragen. Fühltest du dich überspielt oder war es einfach eine Reaktion deines Körpers auf eine unglückliche Aktion während eines Matches?

Jan-Lennard Struff: Wir haben im Nachhinein auch überlegt, was die Ursachen gewesen sein könnten, aber es war einfach ein Moment, der aus dem Nichts gekommen ist. Ich hatte im Vorfeld keine Probleme an der Stelle.

Wie hast du den Weg zurück zu deinem Comeback erlebt? Was war für dich in dieser Zeit besonders wichtig und was ist dir am schwersten gefallen?

Jan-Lennard Struff: Das Schwierige war, dass ich zu Hause, wenn ich Zeit mit meinen Kindern verbracht habe, eingeschränkt war. Ich konnte nicht mit ihnen Rennen, musste aufpassen, wenn ich sie auf den Arm nehme. Es war schon mühsam, erstmal nur Rad fahren zu können.

Im September hast du dann bei der Asienreise wieder ins Geschehen eigegriffen. Wie hast du die Matches und deine Performances im Herbst bis zum Saisonende wahrgenommen?

Jan-Lennard Struff: Es war gut, dass ich mein erstes Match nach dem Comeback direkt gewinnen konnte. Danach habe ich nicht schlecht gespielt, aber auch nicht herausragend. Ich hätte ein, zwei gute Partien besser spielen können. Aber das Wichtigste war für mich, Matches zu spielen und wieder in den Rhythmus zu kommen, um gut in die Vorbereitung zu starten. Vor allem das Halbfinale in Sofia zum Abschluss hat mir ein gutes Gefühl gegeben.

Du beendest das Jahr als Nummer 25, so gut wie noch nie in deiner Karriere. Bist du trotz des aufgrund der Verletzung schwierigen zweiten Halbjahres zufrieden mit der Saison?

Jan-Lennard Struff: Für mich ist es sehr wichtig, das Jahr in den Top 30 beendet zu haben und ich bin glücklich, dass ich das erreicht habe.

Du wurdest von den anderen Tennisprofis auf der ATP-Tour zum „Comeback Player of the Year“ gewählt. Was bedeuten dir solche Auszeichnungen?

Jan-Lennard Struff: Mir bedeutet die Ernennung besonders viel, weil mich die anderen Spieler gewählt haben und die Konkurrenz groß war. Das ist eine tolle Wertschätzung für mich, mein Team und meine Familie für die harte Arbeit im vergangenen Jahr.

Wie sah danach die Pause bei dir aus? Und wie bist du mit deinem Team die Vorbereitung angegangen?

Jan-Lennard Struff: Wir sind Ende November relativ früh in die Vorbereitung gestartet. Davor hatte ich zwölf Tage Urlaub mit der Family. Vom 10. Bis 22. Dezember war ich für einen Teil der Vorbereitung auf Mallorca, habe da unter anderen auch mit Rafael Nadal, Richard Gasquet und anderen trainiert.

Worauf habt ihr in der Vorbereitung den Fokus gelegt?

Jan-Lennard Struff: Der Fokus lag eigentlich auf allem, was dazu gehört. Einfach wieder viel schlagen, viel trainieren und die Umfänge wieder in den Alltag bekommen.

Wie sieht bei dir der Start in die neue Saison aus? Welche Turniere spielst du?

Jan-Lennard Struff: Ich werde 2024 in Hongkong starten, danach Auckland und dann geht’s mit den Australian Open in Melbourne weiter.

Abschließend noch eine festliche Frage: Wie hast du die Weihnachtstage in diesem Jahr verbracht?

Jan-Lennard Struff: Nach dem Trainingslager hatte ich drei Tage zu Hause und habe Heiligabend mit der Familie verbracht. Nach den Feiertagen ging es dann los zum ersten Turnier nach Hongkong.

Dir dann einen guten Start ins neue Jahr!

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