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Struff im Jahresinterview: „Ich habe höhere Ziele“

WARSTEIN – Die Weihnachtszeit ist für die Berufstennisspieler der ATP World Tour wie immer von Kurzweiligkeit geprägt. Damit auch für den Warsteiner Jan-Lennard Struff, in der Weltrangliste auf Platz 57, der nach drei spielfreien Wochen Ende November mit der Vorbereitung auf das kommende Spieljahr 2019 begann. Im großen Jahresinterview spricht der 28-jährige Tennisprofi über den Verlauf 2018 und die Aussichten für 2019.

Struffi, ein turbulentes Jahr geht zu Ende: Im Einzel erstmals in der dritten Runde in Wimbledon und bei den US Open, im Doppel Halbfinale bei den Australian-Open und ATP-Titel mit Ben McLachlan in Tokio. Dazu zwei außergewöhnliche Davis-Cup-Matches in Brisbane und Valencia. Kannst du dich rückblickend auf das größte Highlight festlegen?

Struffi: Es war kein perfektes Jahr, dafür waren einige schlechte Matches dabei. Aber es waren natürlich sehr viele Highlights dabei, von denen man sich nur sehr schwer eines herauspicken kann. Insgesamt lässt sich festhalten, dass es ein gutes Jahr war.

Der Einzug ins Doppel-Halbfinale der Australian Open: Struffi und Ben McLachlan nach dem Erfolg über das zu dem Zeitpunkt beste Doppel der Welt Kubot/Melo.

Du stehst 2018 dauerhaft in den Top 75 der Weltrangliste, hatten im Einzel wie im Vorjahr ein konstantes Jahr gespielt. Wie zufrieden bist du?

Struffi: Im letzten Jahr war eine gute Qualität in vielen Matches. Das resultiert aus der Arbeit, die wir als Team investieren. Ich habe aber auch etwas stagniert. Ich habe höhere Ziele und möchte weiter voran kommen.

Deinen Aufstieg im Doppel zusammen mit Ben McLachlan könnte man als geradezu kometenhaft beschreiben. In der Doppel-Weltrangliste hast du dich von Platz 190 zu Jahresbeginn 2018 auf aktuell Position 22 gesteigert.

Struffi: Wir hatten uns vor dem Jahr die Top 100 als Ziel gesetzt. Das hatten wir nach drei Wochen mit dem Halbfinale bei den Australian Open schon geknackt. Ich habe zusammen mit Ben in Tokio den ersten Titel gewinnen können, wir standen kurz vor der Teilnahme an den ATP World Tour Finals in London, die wir nur knapp verpasst haben. Und mit Pützi (Tim Pütz/Anm. d. Red.) hatte ich zwei unglaubliche Matches im Davis Cup. Das war unglaublich schön.

Mit Ben McLachlan hast du in diesem Jahr die bisher größten Erfolge deiner Doppel-Karriere erreicht. Wie glücklich bist du, dass der Zufall auch so zusammengebracht hat?

Struffi: Manchmal passieren Dinge, auf die man keinen Einfluss hat, bei denen man etwas riskiert und bei denen man am Ende Glück hat. So war es bei Ben und mir. Er ist einfach ein super Mensch und im letzten Jahr ein guter Freund geworden. Dazu ist er noch ein super Spieler mit starken Aufschlägen und einem richtig guten Spiel am Netz.

Du standest wie im Vorjahr wieder im Hauptfeld aller vier Grand-Slam-Turniere und hast erstmals in einem Jahr bei allen vier Wettbewerben die zweite Runde erreicht, in New York und London sogar die dritte. Worauf ist diese Steigerung zurückzuführen?

Struffi: Es war unglaublich wichtig, dass ich das erste Grand-Slam-Match in diesem Jahr gewinnen konnte, weil ich davor seit Ende 2014 kein Erstrunden-Duell mehr gewonnen hatte. Das war für mich der Dosenöffner. Und ich bin mir sicher, dass ich mich in den anderen gewonnenen Matches bei Grand Slams auch noch schwerer getan hätte. Vor allem für die beiden Comebacks in Wimbledon nach jeweiligen 0:2-Satzrückständen war der Auftaktsieg sehr wichtig.

Erstmaliger Einzug in die dritte Runde der US Open: Struffi nach dem 6:2, 4:6, 6:1, 3:6, 6:3 gegen Julien Benneteau.

Sind deine vielen guten Ergebnisse auch ein Resultat der Erfahrungen, die du in den vergangenen Jahren auf der Tour gesammelt haben? Immerhin bist du Profi seit 2009, gehst jetzt in das elfte Berufsjahr als Tennisspieler.

Struffi: Es ist natürlich bitter, über Niederlagen Erfahrungen zu sammeln, das möchte man so möglichst nicht erleben. Aber ich bin froh, dass ich dieses Jahr bei den Grand-Slam-Turnieren positive Ergebnisse erzielt habe.

Das Jahr 2018 war aus deutscher Sicht geprägt von zwei außergewöhnlichen Davis-Cup-Auftritten gegen Australien, ein 3:1-Sieg, und Spanien, ein 2:3. Wie hast du die Matches auf den Plätzen und innerhalb des Teams wahrgenommen?

Struffi: Das waren unglaubliche Duelle gegen Australien in Brisbane und gegen Spanien in Valencia. Die beiden Doppel-Siege über jeweils fünf Sätze waren enorm. Dazu die Stimmung bei beiden Duellen. Nach der außergewöhnlichen Atmosphäre in Australien war es in der Stierkampf-Arena in Spanien die beste, die ich je erlebt habe.

Überschattet wurde der Davis Cup von einer Reform, die bereits 2019 in Kraft tritt. Dann wird der Titel nach der Qualifikation in einem großen Turnier zum Jahresende ausgespielt.

Struffi: Man muss dem neuen Wettbewerb wahrscheinlich eine Chance geben, aber ich finde es sehr schade, dass die Tradition des Davis Cups in seiner Form zerstört wurde. Ich denke nicht, dass die Top-Spieler durch diese Reform eher bereit sind, zu spielen.

Das ändert aber nichts an dem Ziel, mit dem Team den Titel zu erringen?

Struffi: Das ist im Vorfeld schwer zu beurteilen. Sascha (der Weltranglisten-Vierte Alexander Zverev/Anm. d. Red.) hat bereits signalisiert, dass er den Termin am Ende des Jahres nach der eigentlichen Saison nicht wahrnehmen will. Wir haben zwar auch ohne ihn ein starkes Team, aber mit ihm würden wir die Chancen erheblich erhöhen. Wir müssen aber erstmal unsere Hausaufgaben machen und unser Heimspiel gegen Ungarn gewinnen, bevor wir über die Endrunde am Ende des Jahres reden. Ich hoffe, dass wir uns da qualifizieren werden.

Doppel-Erfolg beim Davis-Cup-Duell mit Australien: Struffi und Kapitän Michael Kohlmann.

2017 hast du mit 32 gespielten Einzelturnieren die drittmeisten aller Spieler auf der Profitour bestritten, in diesem Jahr waren es 25 zuzüglich Bundesliga und Davis Cup. Habt ihr die Anzahl gezielt heruntergefahren?

Struffi: Wir haben einige Turniere gezielt weggelassen, um uns auf einige andere Turniere besser vorzubereiten. 2017 war ich im Herbst elf Wochen am Stück unterwegs und habe danach gemerkt, dass ich körperlich und mental total ausgelaugt war. Deshalb haben wir die ein oder andere Woche mal ausgelassen. Von den etwa 300 Tagen, die die letzte Tennis-Saison hatte, war ich 234 Tage bei Turnieren aktiv, das ist eine Menge.

Mit dem TC Blau-Weiß Halle seid ihr nach den Meisterschaften 2014, 2015 und 2017 in diesem Jahr Vize geworden. Ende September überraschte dann die Nachricht, dass Halle seine Mannschaft aus der Bundesliga zurückziehen wird.

Struffi: Wir hatten in der letzten Saison zum Start ein bisschen Pech. Generell waren die letzten Jahre in Halle herausragend. Wir hatten ein starkes Team mit einem guten Teamspirit und haben uns alle richtig wohl gefühlt. Ich habe acht Jahre für Halle gespielt, es ist für mich eine Familie geworden. Es war eine wunderschöne Zeit, für die ich mich bei allen bedanken möchte. Jetzt freue ich mich auf den nächsten Schritt mit TK Kurhaus Lambertz Aachen, für die ich im kommenden Sommer spielen werde.

Abseits des Platzes steht der Rechtsstreit mit deiner ehemaligen Trainerin Ute Strakerjahn aus Lippstadt. Das Oberlandesgericht Hamm bestätigte im Juli das Urteil des Landgerichts Arnsberg zugunsten Strakerjahns. Dein neuer Rechtsanwalt Rüdiger Brüggemann ist bestrebt, alle weiteren Zahlungen ohne neuerliche Gerichtstermine abzuwickeln. Wie belastend ist das Thema?

Struffi: Es ist ein sehr sensibles Thema. Ich weiß nicht genau, wie es weiter gehen wird, welche Register noch gezogen und ob noch weitere Forderungen kommen werden. Der Prozess wird bei mir immer allgegenwärtig sein. Ich werde trotzdem mit meinem neuen Team meinen Weg gehen und mich
nicht von den Streitereien abseits des Platzes unterkriegen lassen.

Roland Garros im Mai: Struffi konnte in Paris erstmal seit 2014 die zweite Runde erreichen.

Ein Blick auf die Aussage eines anderen Spitzensportlers: Nationalstürmer Nils Petersen überraschte in einem „Focus“-Interview mit der Aussage „Die Fußballbranche ist oberflächlich und wir Fußballer sind nicht so belesen […] Ich verblöde seit zehn Jahren.“ Siehst du Parallelen zum Alltag auf der ATP-Tour im Tennis?

Struffi: Das, was ich von dem Interview gelesen habe, fand ich wirklich interessant und gut. Ich persönlich denke aber, dass man, wenn man in einer Sache richtig gut ist, alles da rein legen sollte. Man sollte seine eigenen Talente und seine Nische finden. Ich denke nicht, dass jeder in jeder Sache gut sein kann. Jeder hat seine eigene reale Welt. Für mich ist die Arbeit auf den Tennisplätzen die reale Welt. Ich hatte schon überlegt, ob ich nebenbei ein Studium anfange, aber aktuell habe ich mich dagegen entschieden, um den Fokus auf meine Tennis-Karriere zu legen. Jeder ist selbst dafür verantwortlich, was er aus seinem Leben macht. Und wenn man nicht auch mal Interesse an anderen Dingen hat, dann stimme ich der Aussage von Nils Petersen zu, dann „verblödet“ man.

Für die Vorbereitung auf die neue Saison hast du erstmals ein Trainingslager auf Teneriffa bezogen, nachdem du die beiden Jahre zuvor bei der Mouratoglou Tennis Academy in Nizza verbracht hattest. Wie fällt dein Fazit aus?

Struffi: Die Bedingungen waren hervorragend, ich hatte durchgehend sehr gute Trainingspartner. Wir hatten keinen Regentag und konstant warmes Wetter. Deswegen kann ich mir sehr gut vorstellen, auch nächstes Jahr wieder dorthin  zu kommen. Mein Trainer Carsten Arriens hat im Oktober Kontakt zu Günter Bresnik (Trainer von Top-Spieler Dominic Thiem/Anm. d. Red.) aufgenommen und das Trainingslager klar gemacht. Ich bin auf jeden Fall sehr gut vorbereitet.

Worauf lag beim Trainingslager der Fokus?

Struffi: Wir haben an allen Dingen gearbeitet. Vorhand-Spiel und Aufschläge waren aber die wichtigsten Aspekte.

Auch andere Tennisprofis hatten Quartier auf Teneriffa bezogen…

Struffi: Mit Dominic Thiem, David Goffin, Joao Sousa, Ernests Gulbis und einigen weiteren waren mehrere gute Spieler vor Ort. Es ist unglaublich hilfreich, weil die Intensität gut ist. Und wenn mal ein Spieler ausfällt, hat man immer jemanden, der da ist. Die Qualität leidet also nicht. Das könnte ich in einem Trainingslager in Deutschland nicht schaffen.

Deinen Jahresauftakt bestreitest du 2019 erstmals im australischen Brisbane und nicht in Doha, der Hauptstadt von Katar. Wie kommt es dazu?

Struffi: Ich möchte mit meinem Doppelpartner Ben dort spielen. Und weil er aus Neuseeland anreisen wird, ist Brisbane die einfachere Lösung als Doha. Es wird spannend, ich fliege schon am 25. Dezember Richtung Australien. Die ersten Tage nach dem Flug werden schwierig, aber bis zum Turnierstart habe ich mich akklimatisiert.

Erster ATP-Titel: Im August gewannen McLachlan und Struff die Rakuten Open in Tokio.

Anschließend startest du beim 250er ATP-Turnier in Auckland in Neuseeland. Was erhoffst du dir von den beiden sehr stark besetzten Turnieren?

Struffi: Am Anfang des Jahres zählt es immer, gut in die Saison zu kommen. Ich möchte gut spielen und Matches gewinnen. Alle Spieler wollen die Intensität aus der Vorbereitung auf den Platz bringen und sich gut präsentieren. Es wird sehr interessant.

Du bist bekanntermaßen Fan von Borussia Dortmund: Klappt es im nächsten Jahr mit der ersten deutschen Meisterschaft des BVB seit 2012?

Struffi: Der Herbstmeister-Titel ist ein Titel, der noch nichts bringt. Trotzdem ist es eine sehr gute Momentaufnahme. Ich denke, dass es spannend wird, nachdem die Bayern sich wieder gefangen haben und die Gladbacher bislang alle ihre Heimspiele gewinnen konnten. Die Saison ist noch lang, aber die Jungs wollen natürlich Meister werden. Es ist aber noch ein hartes Stück Arbeit.

Zum Abschluss eine Frage zum Weihnachtsfest: Wie sehen deine Festtage und die Wünsche für 2019 aus?

Struffi: Heiligabend verbringe ich bei meiner Freundin. Meine Eltern werde ich aber auch noch mal sehen, bevor es nach Australien geht. Ich wünsche mir, dass meine Familie und meine Freunde viel Gesundheit im neuen Jahr haben.

Dann viel Erfolg für den Start in die neue Saison und einen guten Rutsch ins neue Jahr!