Official Website of Jan-Lennard Struff

Back to Homepage
Das etwas andere Grand-Slam-Turnier – Nachlese zu den vergangenen Wimbledon-Tagen von Jan-Lennard Struff

LONDON – Das renommierte Rasenturnier in Wimbledon ist spätestens seit Ende des letzten Jahrtausends – seit den Erfolgen von Boris Becker, Michael Stich und Steffi Graf – auch in Deutschland ein wichtiges Ereignis im Sportkalender geworden. Zwar steht und fällt das Interesse bei Sportarten außerhalb des Fußballs meist mit dem Abschneiden der deutschen Athleten, doch Wimbledon ist anders. Die außergewöhnliche Bedeutung des einzigen Grand-Slam-Turniers, das auf Rasen ausgetragen wird, wird in Gänze aber erst vor Ort bewusst.

Bereits beim Betreten der Anlage werden die Besucher mit Reizen überflutet. – sofern das britische Wetter mitspielt. Ein lila-weißes Blumenmeer, gepaart mit dunkelgrünen Efeuranken. Wasserspiele wohin das Auge reicht und Fische die in Teichen friedlich ihre Runden drehen. Würde jährlich Anfang Juli nicht das vielleicht bedeutendste Tennisturnier der Welt im Südwesten Londons ausgetragen werden, würden Flora-Freunde im Wimbledon-Park voll und ganz auf ihre Kosten kommen. Die Wimbledon Championships haben ihren perfekten Ort seit 1877 gefunden. So elitär das Bild der Tennisszene auch sein mag, so locker geht es auf der gut zu erreichenden Anlage in der englischen Hauptstadt zu. Die Stimmung ist gelöst. Im gesitteten Maße wird auf den Wiesen gepicknickt. Anständig wird trotz der brütenden Sommersonne in meterlangen Schlangen an den Schaltern auf ein mögliches Re-Sale-Ticket gewartet. Fans campen an den Abenden vor den Turniertagen vor den Toren. Vor einer riesigen Leinwand an der Außenfassade von Court 1 verfolgen mehrere hundert Tennisfans auf dem berühmten Henman Hill die übertragenen Matches auf den großen Courts. Wimbledon scheint zu entschleunigen, vor allem in einer Metropole wie London. Trotzdem ist auch Ehrfurcht zu spüren. Ehrfurcht vor der Tradition, die auf den Plätzen allgegenwertig zu sein scheint.

Dabüt auf dem Centre Court von Wimbledon: Jan-Lennard Struff traf in der dritten Runde auf Roger Federer.

Ehrfürchtig hätte man auch den Warsteiner Jan-Lennard Struff vor seinem Drittrunden-Duell mit Roger Federer, dem 20-maligen Grand-Slam-Champion und achtfachen Sieger des Turniers an der Themse, erwartet. Doch der Sauerländer wirkte im Vorfeld eher entschlossen, freute er sich laut eigener Aussage eher darüber, mal auf dem Center Court in Wimbledon spielen zu können, als zum dritten Mal in seiner Karriere gegen Federer anzutreten. Struff hatte aber auch allen Grund zur Entschlossenheit, reihte er sich mit zwei außergewöhnlichen Siegen zum Auftakt in einen limitierten Club ein: Der 28-jährige Warsteiner ist erst der dritte Spieler in der Geschichte der Wimbledon Championships, der es geschafft hat, die ersten beiden Runden nach jeweiligen 0:2-Satzrückständen zu überstehen. Dabei benötigte der Davis-Cup-Spieler beim 3:6, 6:7, 7:6, 7:6, 6:1 zum Auftakt gegen den Argentinier Leonardo Mayer 3:28 Stunden, folgten beim 6:7, 3:6, 7:6, 7:6, 13:11 im Marathon-Match gegen den kroatischen Aufschlagriesen Ivo Karlovic (2,11 Meter) 3:54 Stunden Spielzeit. Insgesamt also 7:22 Stunden (442 Minuten) auf den Grascourts in der englischen Hauptstadt. Doch Struffs Drittrunden-Gegner Federer, der in seinen ersten beiden Matches lediglich 2:49 Stunden (169 Minuten) auf dem Platz stand, lobte die starken Auftritte des Deutschen und prognostizierte, dass diese Matches ihm über das Turnier hinaus Kraft verleihen würden.

Gegen den „Maestro“ verliehen sie dem Warsteiner allerdings nur Kraft im Bereich des Möglichen. Der Westfale legte sein bestes Tennis hin, verdiente sich auf dem ausverkauften Centre Court lautstark honorierte Ballwechsel und forderte den 36-jährigen Schweizer zu einem starken Auftritt. Doch der 20-fache Grand-Slam-Sieger erspielte sich durch jeweils ein Break im ersten und zweiten Durchgang zur 2:0-Satzführung. Für Struff nichts unbekanntes, aber gegen den vielleicht besten Tennisspieler war am frühen Freitagabend kein Kraut gewachsen, spielte dieser einfach wie in einer eigenen Liga.

Und wie auch schon beim Zweitrunden-Duell bei den diesjährigen Australian Open (4:6, 4:6, 6:7) musste sich der Warsteiner für seinen Auftritt nicht schämen, wurden beide Akteure nach dem 3:6, 5:7, 2:6 aus Struff-Sicht mit lautstarkem Applaus in die Katakomben verabschiedet.

Analyse nach dem Match: Im Gespräch mit Sky-Reporter Moritz Lang stand Struffi nach dem Match Rede und Antwort.

„Freitag war ein unglaubliches Erlebnis. Schade, dass ich es im zweiten Satz nicht in den Tie-Break geschafft habe. Im dritten habe ich nicht mehr ganz an meine vorherige Leistung anknüpfen können, aber man muss auch sagen, dass Roger brutal stark gespielt hat. Es war ein sehr cooles Erlebnis für mich, mal auf dem Centre Court in Wimbledon zu spielen und auch insgesamt zum dritten Mal gegen Roger angetreten zu sein. Ich würde mich freuen, wenn ich in Zukunft noch mal auf dem Centre Court spielen könnte.“, bilanzierte der Sauerländer im Nachgang zu seiner ersten dritten Runde im Einzel eines Grand Slams.

Während er gegen Federer auf dem 15.000 Zuschauer fassenden Court an weiterer gewonnen hatte, folgte am Samstag dann ein weiterer sportlicher Erfolg. An der Seite seines japanischen Doppel-Partners Ben McLachlan erreichte der Deutsche die dritte Runde. Die beiden Akteure, die im vergangenen Januar bei den Australian Open mit dem Erreichen des Halbfinals auf sich aufmerksam gemacht hatten, erreichten damit zum zweiten Mal in diesem Jahr die zweite Woche eines Grand Slams. “”Es ist riesig, dass wir zum zweiten Mal in diesem Jahr in der zweiten Woche bei einem Grand Slam stehen. Jetzt wollen wir gegen “Pützi” und “Petzsche” angreifen. Ich freue mich auf das Match”, fasste der Warsteiner zusammen.

Gegen das indische Duo Baladji/Vardhan mussten die an 14 gesetzten McLachlan und Struff ein lange Zeit enges Match überstehen, bevor sie nach 2:40 Stunden mit 7:6, 6:7, 7:6, 6:3 ihren ersten gemeinsamen Wimbledon-Auftritt mit dem Erreichen der dritten Runde feiern konnten. Gegner im kommenden Duell wird das deutsche Doppel Philipp Petzschner/Tim Pütz sein, das in seiner zweiten Runde die französischen French-Open-Sieger Mahut/Herbert bezwingen konnten. Außerdem konnten Petzschner und Pütz im vergangenen Juni den Stuttgarter Mercedes Cup gewinnen.

Ausgerechnet die beiden deutschen Kontrahenten im Achtelfinale, wird sich Struff gedacht haben, denn beide kennt er schon lange und mit beiden trat er jeweils bei einigen Turnieren in der Doppelkonkurrenz an. Der 34-jährige Petzschner konnte das Turnier zusammen mit Jürgen Melzer außerdem bereits gewinnen, verbuchten der Bayreuther und der Österreicher 2010 den Erfolg im Endspiel.

Doch bevor das Achtelfinal-Match ausgetragen wird, steht am Sonntag der traditionelle Ruhetag an. Für den Warsteiner Struff, der während des Turniers in einem Haus Nahe der Anlage unter gekommen ist, in dem sich bereits Steffi Graf in den 90er Jahren wohl fühlte, sollte diese Pause zur rechten Zeit kommen, stand er seit Turnierbeginn ganze 12:10 Stunden auf den grünen Courts. Der spielfreie Sonntag ist eine Pause, an einem potentiell besucherstarken Sonntag. Doch sie hat weiterhin Bestand, haben beim dritten Grand-Slam-Turnier eines jeden Jahres Traditionen Vorzug vor möglichen weiteren Einnahmen – und auch das macht Wimbledon so einzigartig.