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“Manchmal muss man Rückschritte machen, um nach vorne zu kommen”

WARSTEIN – Das Jahr 2015 war für den Warsteiner Tennisprofi Jan-Lennard Struff eines mit Höhen und Tiefen. Als 58. der ATP-Weltrangliste startete der Deutsche im Januar in die Saison, als 107. wird er sie zum Jahreswechsel beenden. Es waren zwölf Monate, die dem 25-Jährigen reichlich neue Erfahrungen beschert haben – sowohl positiv, als auch negativ. Doch für das bevorstehende Kalenderjahr nimmt „Struffi“ sich die Rückkehr in die Top 100 vor und hofft dadurch, wieder an allen Grand Slam-Turnieren teilnehmen zu können. Kurz nach einer Trainingseinheit in Köln, die Stadt in der sein neuer Trainer Carsten Arriens wohnhaft ist, gewährte der 1,96 Meter große Rechtshänder im Jahresinterview Einblicke in sein vergangenes Profijahr.

Struffi, das Jahr begann für dich vielversprechend mit Matcherfolgen gegen Philipp Kohlschreiber in Doha und gegen Dominic Thiem in Auckland. Hinzu kam das starke Debüt beim Davis Cup in Frankfurt. Dagegen stehen das unglückliche Erstrunden-Aus nach einer Fünfsatz-Partie bei den Australian Open und einige Erstrunden-Niederlagen bei ATP-Turnieren. Wie bilanzierst du den Start in die abgelaufene Saison?

Struffi: Bei den ersten beiden Turnieren konnte ich gute Matches abliefern. Aber ab den Australian Open lief es dann nicht mehr so gut wie zuvor. Dann kam nochmal ein Aufschwung mit dem Debüt im Davis Cup. Das war ein absolutes Highlight für mich. Ich konnte gut, spielen, aber am Ende hat dann leider der eine Tick gefehlt (Struff unterlag nach 4:27 Stunden 6:7 (4:7), 6:2, 7:6 (7:1), 2:6, 8:10 dem französischen Topspieler Gilles Simon/Anm. d. Red.). Das war eine tolle Woche und eine großartige Erfahrung, aber sie hat auch deutlich an der Kraft gezerrt.

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Im März gegen Frankreich in Frankfurt: .Struffi lieferte gegen Gilles Simon ein hochklassiges Match bei seinem Davis Cup-Debüt ab.

Du bist erstmals hauptsächlich bei ATP-Turnieren angetreten. Wie war die Umstellung für dich, denn die Leistungsdichte im Teilnehmerfeld ist bei den Turnieren um ein vielfaches höher als bei Challengern?

Struffi: Es sind deutlich bessere Gegner und das hat sich auch bemerkbar gemacht. Egal gegen welchen Gegner, du musst immer gute Leistungen abliefern. Manchmal habe ich gut nach oben gespielt, aber dann war der Gegner zu gut und bei vielen Matches im ersten Halbjahr habe ich nicht meine Leistung abgerufen – das war das Entscheidende, was gefehlt hat. Aufgrund meiner Platzierung war es zu dem Zeitpunkt aber die logische Folge, nur bei ATP-Turnieren zu starten. Das Niveau ist höher, das ist klar, aber auf lange Sicht will ich da auch wieder hin.

In der ersten Jahreshälfte gab es viele Niederlagen. Wie würdest du das Gefühl beschreiben, wenn es zunehmend nicht mehr so läuft wie man es sich vornimmt?

Struffi: Man fängt an, zu zweifeln. Woran liegt es, wieso läuft es nicht mehr? Ich habe versucht Lösungen zu finden, aber diese ganze Situation war nicht so einfach. Es hat mich auch Selbstvertrauen gekostet. Aber das darf eigentlich nicht passieren. Da muss ich die Einstellung haben: Komm, es geht weiter, du kommst da wieder ran.

Gerät man dann in einen „Strudel“ aus dem man sich schwer befreien kann?

Struffi: Erfolgsergebnisse ziehen einen immer hoch, das ist klar. Es war aber wie gesagt, es ist häufig so, dass ich durch die Niederlagen Selbstvertrauen verloren habe. Als einen Strudel würde ich das nicht bezeichnen.

Wenn wir auf das Erstrunden-Duell in Wimbledon gegen Bernard Tomic zuückblicken (3:6, 6:3, 6:2, 2:6, 3:6 unterlegen/Anm. d. Red.). War das auch ein Knackpunkt für dich in diesem Jahr, nach dem du gemerkt hast, es muss sich etwas ändern?

Struffi: Das Match war teilweise gut, aber es ist natürlich immer hart, eine 2:1-Satzführung noch aus der Hand zu geben. Ich habe schon in der Zeit davor angefangen, mich sehr viel mit mir und meinem Umfeld zu beschäftigen. Es war nicht das Wimbledon-Match als Knackpunkt, sondern der Zeitraum im Sommer, wo ich gemerkt habe, dass sich etwas verändern muss.

Du meinst damit den Trainerwechsel zu Carsten Arriens im vergangenen August.

Struffi: Es war über die Ergebnisse begleitend, dass sich der Trainerwechsel eingeschlichen hat. Es war der ganze Prozess, der diese Entscheidung zur Folge hatte.

Du hast dich von deinen langjährigen Trainern und Wegbegleitern Christoph Reichert und Ute Strakerjahn getrennt. Wie schwer war dieser Schritt für dich?

Struffi: Wenn ich zurückblicke, denke ich an die Fußball-WM 1998 in Frankreich, als wir bei Ute im Haus mal Urlaub gemacht haben. Mit Stoffel (Spitzname von Christoph Reichert/Anm. d. Red.) habe ich nach dem Abitur 2009 angefangen, intensiv zu trainieren, ich kannte ihn aber auch schon vorher. Aufgrund der langen und erfolgreichen Zusammenarbeit war es ein sehr, sehr schwieriger Schritt. Ich bin beiden für alles dankbar, was sie für mich gemacht haben. Ich bin aber auch froh, dass ich diesen Schritt gegangen bin, denn ich musste etwas neues finden und mich weiterentwickeln. Deswegen war der Schritt zu diesem Zeitpunkt dann vielleicht notwendig. Jetzt bin ich froh, mit Carsten einen guten Trainer gefunden zu haben. Aber wie gesagt: Mit Ute und Stoffel hatte ich zuvor viele tolle Jahre.

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Seit August neuer Trainer von Jan-Lennard Struff: der Kölner Carsten Arriens.

Wie kam es zu der Entscheidung, Carsten Arriens als neuen Trainer zu wählen, der dich 2014 Teamchef des Davis Cup-Teams erstmals in den Kader der deutschen Auswahl berufen hatte?

Struffi: Es gab mehrere vertraute Personen in meinem engerem Umfeld, mit denen ich darüber gesprochen habe, wie es weiter gehen soll. Wir haben viel überlegt. Ich hatte Namen im Kopf und dazu gehörte Carsten, den auch mein Umfeld im Kopf hatte. Wir haben uns getroffen, über die Zusammenarbeit gesprochen und am Ende ist er mein neuer Trainer geworden.

Die US Open hast du nach dem Aus in der Qualifikation verpasst. Wie enttäuscht warst du, dass du nach zehn Grand Slam-Teilnahmen in Folge nicht dabei sein konntest?

Struffi: Das war unglaublich schade. Man spielt natürlich dafür, im Hauptfeld dabei zu sein. Es tat weh, nicht in der ersten Runde zu sein, aber manchmal muss man Rückschritte machen, um nach vorne zu kommen. Ich werde im kommenden Jahr wieder alles daran setzen, ins Hauptfeld der Grand Slams zu kommen.

Hatte es denn vielleicht auch etwas Positives, weil du dich anschließend intensiv mit deinem neuen Coach auf das letzte Drittel des Jahres vorbereiten konntest?

Struffi: Wir konnten dadurch zwar viel trainieren und uns vorbereiten, aber im Hauptfeld zu stehen wäre die bessere Alternative gewesen.

Danach konntest du aber eine bemerkenswerte Serie hinlegen; Zuerst hast du mit Tobias Kamke den Doppeltitel in Alphen geholt und anschließend im Einzel 13 Spiele in Serie nicht verloren und dabei zwei Challengertitel in Folge gewonnen.

Struffi: Es war ehrlich gesagt ein komisches Gefühl, weil ich, außer beim Challenger in Heilbronn, in diesem Jahr nie mehr als zwei Matches in Serie gewonnen hatte. Man geht mit der Einstellung in die Turniere, dass alle Spieler gewinnen wollen, es am Ende aber nur einen Sieger geben kann. Man muss damit umgehen können, dass man nicht immer gewinnen kann. Diese Serie tat mir unglaublich gut und war befreiend. Es war so, dass das Selbstvertrauen immer mehr zurückkam und man sich wieder stärker gefühlt hat. Man hatte zwar zuvor schon das Highlight mit dem Davis Cup und dem Titelgewinn in der Bundesliga, aber die beiden Turniersiege taten einfach unglaublich gut. Vor den Turnieren hätte wahrscheinlich niemand mit so einer Serie gerechnet. Ich war zuvor in der Weltrangliste stark abgerutscht und habe mich dadurch noch fangen können.

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Zweiter Challenger-Sieg in Folge: Im Oktober war Struffi in Orleans siegreich. © Photo open d’Orleans

Die gewonnenen Punkte waren außerdem unglaublich wichtig, um sich in der Weltrangliste in Richtung Australian Open zu positionieren.

Struffi: Das stimmt, allerdings war der Cut bei Platz 99. Ich war zu dem Zeitpunkt anfang Dezember 108. und werde deswegen in die Qualifikation gehen müssen. Ich hätte zum Ende der Saison vielleicht noch ein Challenger drangehängt, aber aufgrund der Knieprobleme habe ich die Teilnahme abgesagt und konnte dann auch nicht mehr die nötigen Punkte holen.

Du hast es bereits angesprochen: Eine Verletzung am Knieansatz hat deine Saison vorzeitig beendet. Konntest du dich mittlerweile davon erholen?

Struffi: Es ist deutlich besser geworden. Es war vermutlich durch die Untergrund-Umstellung im Spätsommer bedingt. Ich habe erst auf Asche gespielt, dann auf Hartplatz für die US Open, anschließend wieder auf Asche, und dann auf Hartplätzen in der Halle. Das war wohl eine zu extreme Umstellung. Das Knie wurde in der Folge nicht besser.

Du bist seit dem 30.11. wieder in der Saisonvorbereitung. Wie verliefen deine letzten Wochen?

Struffi: Wir trainieren größtenteils in Kamen, aber auch in Köln. Zuletzt waren wir auch eine Woche in München. Am Anfang mussten wir auf das Knie schauen, das hat etwas aufgehalten. Ich habe zwar noch nicht die meisten Punkte gespielt, aber es wird besser. Wir haben das Tennis spielen nach hinten verlagert und viel Fitness und Physioarbeit gemacht. Jetzt sind wir gut im Plan.

Auch die abgelaufene Bundesliga-Saison verlief am Ende nach Plan. Ihr konntet nach hinten raus nach einem Finalkrimi noch den Titel aus dem Vorjahr verteidigen.

Struffi: Wir mussten Aachen am vorletzten Spieltag besiegen. Das wir das mit 5:1 geschafft hatten, war der absolute Wahnsinn. Damit standen uns die Türen weit offen, aber unser letzter Gegner aus Neuss ist in Bestbesetzung angetreten. Wetterbedingt mussten wir dann aber in die Halle, was für uns vielleicht ein kleiner Vorteil war. Wir haben den zweiten Titel in Folge anschließend noch mit Fans im Clubhaus gefeiert.

Kommen wir zurück zur Vorbereitung: Auf welche Trainingsinhalte wird aktuell besonders viel Wert gelegt?

Struffi: Wir wollen die Vorhand verbessern. Aber es wird auch viel Wert auf Taktik, Fitness und Aufschläge gelegt.

Blicken wir voraus: Du startest mit dem ATP-Turnier im indischen Chennai. Wie geht es weiter?

Struffi: Genau, in Chennai werde ich in die Qualifikation gehen und danach folgt die Quali zu den Australian Open. Dadurch, dass ich zu Beginn 2015 mit meiner damaligen Platzierung bereits für das Hauptfeld der Australian Open qualifiziert war, konnte ich noch das zweite Turnier im neuseeländischen Auckland spielen. Das schaffe ich im kommenden Januar leider nicht.

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Hier möchte Struffi wieder dabei sein: die Australian Open in Melbourne, zu denen er im Januar in der Quali spielt.

Was sind deine Ziele für 2016?

Struffi: Im letzten Jahr waren es teilweise harte Erfahrungen. Ich habe daraus gelernt und möchte vieles anders gestalten. Ich möchte beispielsweise besser mit meinem Selbstvertrauen umgehen. Ich freue mich auf die kommende Saison und habe das Ziel, wieder hochzukommen. Ich möchte natürlich erstmal wieder unter die Top 100 kommen, um für die Grand Slams qualifiziert zu sein. Ich war im Herbst 2014 bereits 46. der Weltrangliste und das sind Regionen in die ich irgendwann wieder kommen möchte. Aber dafür muss ich weiterhin konstant und hart arbeiten!

Struffi: Jetzt steht erstmal eine kurze Pause zu Weihnachten an. Wie verbringst du die Festtage?

Struffi: Ich werde Weihnachten mit meiner Freundin Nina verbringen und am zweiten Weihnachtstag dann zu meiner Familie fahren. Vor dem Jahreswechsel geht es dann schon in Richtung Indien.

Dann wünschen wir dir erholsame und schöne Weihnachtstage.

Struffi: Das wünsche ich auch, aber vor allem wünsche ich das den vielen Fans, die trotz der Niederlagen immer positiv waren. Ich danke ihnen für die unglaubliche Unterstützung und möchte mich auch bei all meinen Sponsoren bedanken, deren Support immer hundertprzentig war.

Danke für das Interview und viel Erfolg für 2016.